Angelika Hahn startet beim KAT100 erstmals über 100 Meilen. Gewitter, ein fehlender Drop Bag, Familiensupport und eine unerwartete Laufpartnerin prägen ihr Rennen bis zum Sieg mit 63 Sekunden Vorsprung.

KAT100 Erfahrungsbericht: 100 Meilen, zwei Frauen und 63 Sekunden

Beim ersten 100-Meilen-Rennen treffen sich Angelika Hahn und Nanna Spirgath auf der Strecke, laufen fast zwei Nächte gemeinsam unterstützen und pushen sich gegenseitig durch schwierige Phasen. Erst sieben Kilometer vor dem Ziel wird aus ihrem Laufduo ein Rennen um den Sieg. 

KAT100 Angelika Hahn im Ziel

Foto: Sportograf | KAT100 by UTMB

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Erlebnisbericht von Angelika Hahn, Ultraläuferin und Mutter von vier Kindern

Als ich am Donnerstagabend in Fieberbrunn an der Startlinie des KAT100 by UTMB stehe, kenne ich Nanna Spirgath noch nicht. Sie ist 49, ich bin 53. Zusammen haben wir sieben Kinder – Nanna drei, ich vier. Und wir haben an diesem 6. August 2026 noch etwas gemeinsam: Für uns beide ist es das erste Rennen über 100 Meilen. 

KAT100 Start in Fieberbrunn

Foto: Carles Iturbe | KAT100 by UTMB

Was daraus wird, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Wir begegnen uns auf der Strecke, verlieren uns wieder, finden uns in der Nacht erneut – und laufen insgesamt fast 100 km Seite an Seite. Als wir nach mehr als 30 Stunden noch immer auf Platz eins und zwei liegen, wird uns langsam klar: der Sieg dieses Rennens ist zum Greifen nah und wir werden ihn wohl unter uns ausmachen. Am Ende trennen uns nach offiziell gewerteten 159 Kilometern und 8.500 Höhenmetern gerade einmal 63 Sekunden. 

KAT 100 Start in Fieberbrunn 2026

Foto: Carles Iturbe | KAT100 by UTMB

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KAT100 Erfahrungsbericht: Der Start im Gewitter

Um 18 Uhr fällt in Fieberbrunn der Startschuss. Schon an der Startlinie beginnt es heftig zu regnen. Kurz darauf blitzt und donnert es um uns herum. Nanna und ich begegnen uns kurz, wir wechseln ein paar Worte und laufen wieder getrennt weiter. 

KAT100 Erfahrungsbericht 100 Meilen

Bereits um 18.45 Uhr wird das Rennen an einer Skistation für rund 30 Minuten angehalten. Wegen des Gewitters wird die Strecke gekürzt, der höchste Gipfel gleich zu Beginn entfällt. Der Regen bleibt. Wir laufen in die Dunkelheit. 

Gegen Mitternacht erreiche ich die Verpflegungsstation in Waidring. Es hört auf zu regnen, doch es wartet das nächste Problem: Mein Drop Bag ist verschwunden. Darin sind meine trockenen Wechselschuhe und Kleidung sowie vorbereiteter Nachschub an Gels und Riegel. Ich muss nass weiterlaufen und auf die Verpflegung an der Station ausweichen. Kurz darauf bekomme ich Blasen. 

Wer einen langen Ultra läuft, weiß, wie viel Sicherheit in den vorbereiteten Abläufen steckt: trockene Ausrüstung, vertraute Nahrung, ein klarer Plan für die nächste Etappe. In dieser Nacht fällt für mich genau das weg. Ich muss improvisieren und weiter. 

KAT100 Erfahrungsbericht 100 Meilen von Angelika Hahn

Gemeinsam durch die erste Nacht

Umso mehr gibt mir das Wiedersehen mit Nanna kurz darauf neuen Auftrieb. Wir kommen ins Gespräch und beschließen, gemeinsam durch die erste Nacht zu laufen, erzählen uns viel und halten uns gegenseitig wach. Aus der zufälligen Begegnung wird schnell etwas, das uns beide stärkt und motiviert.  

An einer nächtlichen Wasserstation auf dem Berg laufen wir zusammen mit anderen Teilnehmern vorbei. In der Dunkelheit war keine Station oder Markierung dorthin zu erkennen. Zum Glück entdecken wir zwei bis drei Kilometer später einen Brunnen und können dort unsere leeren Trinkflaschen auffüllen. 

KAT100 Angelika Hahn

Gegen fünf Uhr morgens erreichen wir St. Johann. Mein inzwischen gefundener Drop Bag darf mir dort von meinem Mann Robert gebracht werden. Endlich kann ich die nassen Schuhe wechseln. Das kostet Zeit. Nanna läuft weiter und erklimmt sehr flott in der Morgensonne das Kitzbüheler Horn. Ich versuche mein ruhiges Tempo beizubehalten und genieße den wunderschönen Sonnenaufgang und die Wärme nach der nasskalten, dunklen Nacht. Wie genial, dass wir diese mentale Herausforderung als Team so gut hinter uns gebracht haben. 

Zu diesem Zeitpunkt liegen wir bei den Frauen auf den Plätzen eins und zwei. Nach der nassen ersten Rennhälfte sind bereits einige Konkurrentinnen ausgestiegen. 

Wir laufen wieder zusammen – und wollen uns gar nicht gegenseitig abhängen 

Gegen Mittag am Pengelstein hole ich Nanna wieder ein. Von da an laufen wir erneut gemeinsam. Wir erzählen uns stundenlang über unsere Familien und unser Leben, lernen uns dabei richtig gut kennen und merken kaum, wie die Kilometer vergehen. 

Auf dem Livetracking des Rennens sind Nanna und ich immer im Abstand von ein bis zwei Minuten abwechselnd führend zu sehen, obwohl wir nebeneinander laufen. Wie wir erfahren, schreiben Freunde in unseren WhatsApp-Gruppen, dass wir es doch hoffentlich bald schaffen, die jeweils andere abzuhängen. Wir lachen darüber. Warum sollten wir gerade jetzt etwas aufgeben, das so gut funktioniert? Wir haben eine tolle Zeit zusammen und profitieren voneinander! 

kat100-angelika-hahn-nina-spirgathFoto re.: Sportograf

Nach 24 Stunden kommt der Tiefpunkt

Gegen 18 Uhr erreichen wir die Wildalm. Wir sind jetzt bereits 24 Stunden unterwegs. Es regnet wieder, ein weiteres Gewitter zieht auf und die Müdigkeit sitzt tief. Für mich kommt der Tiefpunkt des Rennens.

Noch einmal durch eine Nacht mit Regen und Donner? In diesem Moment kann ich mir das kaum vorstellen. Die Gedanken wandern an Pizza essen und ein warmes, weiches Bett. Ich möchte aussteigen. 

Nanna feuert mich an. Ich trinke Red Bull und telefoniere mit Robert, der mir ebenfalls Mut macht. Was auch immer geholfen hat, es geht wieder aufwärts: Nanna und ich albern herum und lachen, nach müde kommt blöd! Aber Stück für Stück verändert sich mein Zustand zum Guten. Ich komme aus dem Tief heraus und laufe weiter. Jetzt feuere sogar ich Nanna an: „Wir schaffen das, egal wie! Wir ziehen das durch!“ 

Rückblickend ist das einer der Schlüsselmomente, die mir von diesen 100 Meilen besonders in Erinnerung bleiben: wie wir uns in dieser entscheidenden Schlussphase gegenseitig stärken konnten, als der mentale Kampf gegen den Körper zu kippen drohte.

Vier Umarmungen verändern das Rennen

Um 19.30 Uhr erreichen wir Oberaurach.   

An dieser letzten Station vor der zweiten Nacht wartet auf mich ein großer Motivations- und Energieschub: Meine vier Kinder sind angereist und stehen Spalier, alle nehmen mich kurz in den Arm und drücken mich, was für ein wohltuender Moment! 

Unsere Männer haben sich inzwischen auch angefreundet, da sie immer zeitgleich auf uns warten verbringen sie ebenfalls viel gemeinsame Zeit. Sie optimieren ihren Job durch gegenseitige Tipps und unterstützen uns in den kurzen Aufenthalten an den Verpflegungsstationen sehr professionell.   

KAT100 Familiensupport und Laufduo

Gestärkt durch unsere Familien und die Pause starten Nanna und ich gemeinsam in die zweite Nacht. Vor uns liegen noch etwa 25 Kilometer mit mehr als 1.200 Höhenmetern.  

Die drittplatzierte Frau liegt inzwischen deutlich hinter uns. Wenn wir durchhalten, sind uns die Plätze eins und zwei sicher und damit auch der Zugang zum UTMB-Finale in Chamonix 2027! 

Die zweite Nacht: Technisch, steil und langsam

Die letzten Stunden werden hart. Nanna hat Kreislaufprobleme, ich fühle mich schwach. Wir kommen nur langsam voran. Teile der Strecke sind technisch und sehr steil.  Auch die Streckenführung ist zeitweise nicht eindeutig, die Markierung zwischen Sträuchern und Felsen schlecht sichtbar. Wir navigieren gemeinsam und pushen uns über den letzten Gipfel. 

Gegen 1:15 Uhr erreichen wir endlich die Lärchfilzhochalm. Nur noch sieben Kilometer bis Fieberbrunn. 

Wir haben ausgemacht, dass wir bis hierhin auf jeden Fall zusammenbleiben.  

Und ab der letzten Verpflegungsstation darf jede laufen, was die Beine noch hergeben. Nach all den gemeinsamen Kilometern beginnt jetzt tatsächlich das Rennen um Platz eins. 

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Noch sieben Kilometer: Aus dem Team wird ein Laufduell

Ich fühle mich plötzlich gut und laufe vor. Einige Minuten bleibt Nanna hinter mir. Dann sehe ich den Schein ihrer Stirnlampe nicht mehr. 

Den Gedanken, dass ich mein erstes 100-Meilen-Rennen tatsächlich gewinnen könnte, schiebe ich weg.   

Ich muss mich voll konzentrieren: jetzt bloß nicht stolpern, bloß nicht fallen, und keinen Abzweig verpassen 

Gleichzeitig habe ich im Kopf, dass die Reihenfolge auf der Ziellinie allein noch keine Sicherheit für den Sieg gibt. Die Wartezeit durch die Gewitterunterbrechung wird berücksichtigt. Nanna war schneller gestartet als ich und könnte dadurch in der Gesamtzeit vor mir liegen. Ich versuche deshalb, auf den letzten Kilometern so viel Zeitabstand wie möglich herauszuholen. 

Meine Beine laufen, mein Magen hält. Nach mehr als 31 Stunden kann ich tatsächlich noch einmal Tempo machen. 

Gegen zwei Uhr morgens erreiche ich das Ziel als erste Frau. Ich erlebe diesen Moment wie im Traum, der Zielbogen, roter Teppich, Musik, Seifenblasen, Scheinwerfer, … meine Familie empfängt mich überschwänglich. Wenige Minuten später folgt Nanna, sie ist kurz vor Ende noch gestürzt, mit Schürfwunde am Knie läuft sie die letzten Meter. 

Dann kommt die endgültige Wertung: 31:40:10 Stunden für mich, 31:41:13 Stunden für Nanna. Nach 100 Meilen liegen nur 63 Sekunden zwischen uns. 

Wir können beide kaum fassen, dass wir es geschafft haben. Als starkes Team auf so vielen Kilometern, bevor wir uns auf den letzten sieben doch noch einen ehrlichen Kampf um den Sieg geliefert haben.  

Bei der Siegerehrung steht ein Läufer zwischen uns, der uns unterwegs immer wieder begegnet ist, und meint grinsend: „Ich habe mich das ganze Rennen gefragt, wie man bloß so viel quatschen kann!“

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Warum von diesen 100 Meilen mehr als der Sieg bleibt

Mein erster Start über 100 Meilen endet mit einem Sieg. Die 63 Sekunden Vorsprung erzählen jedoch nur das Ende dieses Rennens. In Erinnerung bleiben die nassen Stunden zu Beginn – das Gewitter und die Rennunterbrechung – improvisieren, als mein Drop Bag fehlte – weiterlaufen, als ich nach 24 Stunden aussteigen wollte – meine Familie in Oberaurach und natürlich der Zieleinlauf in Fieberbrunn.

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Aber vor allem werde ich immer die Begegnung mit Nanna vor Augen haben, die diesen Lauf so besonders gemacht hat! So ein Rennen gut zu planen und vorzubereiten ist das eine, aber was dann tatsächlich passiert ist eine eigene Geschichte. Meine beim KAT100 entstand aus dieser zufälligen Begegnung mit Nanna, durch unsere Entscheidung, gemeinsam zu laufen statt allein, Seite an Seite zu kämpfen und füreinander da zu sein und uns erst ganz am Ende zu erlauben, als Konkurrentinnen um den Sieg zu kämpfen.    

Genau das hat diesen KAT100 für mich so besonders gemacht.  

Und nächstes Jahr wartet auf uns beide der 100 Meiler in Chamonix. 

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Foto: Andi Frank | KAT100 by UTMB

Du möchtest selbst länger laufen?

100 Meilen sind für dich noch weit weg – oder vielleicht schon das nächste Ziel? Angelika Hahn gibt ihre Erfahrung als Ultraläuferin auch im Coaching weiter und begleitet Frauen, die sich an längere Distanzen und Ultratrails herantasten oder gezielt auf ein Rennen vorbereiten möchten.

Mehr über Angelika Hahn und ihr Coaching erfahren: @runyourlifecoach

KAT100 by UTMB 2027: Termin und Distanzen

Der KAT100 by UTMB findet 2027 vom 5. bis 7. August statt. Die längste Distanz führt regulär über 169 Kilometer und 9.000 Höhenmeter. Der Veranstalter nennt aktuell folgende Rennen: 

  • 100 Miles: 169 km, 9.000 Hm+, Start am 5. August 2027 
  • Endurance Trail: 75 km, 4.100 Hm+, Start am 6. August 2027 
  • Marathon Trail: 51 km, 3.250 Hm+, Start am 6. August 2027 
  • Speed Trail: 24 km, 1.650 Hm+, Start am 7. August 2027 
  • Easy Trail: 8 km, 250 Hm+, Start am 7. August 2027 
  • Kids Trail: Start am 6. August 2027 

 

Mehr Informationen: KAT100 by UTMB 

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