Viele Läuferinnen und Läufer denken bei anhaltenden Schmerzen schnell an eine Operation. Doch moderne regenerative Therapien eröffnen heute oft einen anderen Weg. Statt geschädigtes Gewebe zu entfernen, unterstützen sie die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers. Im Interview erklärt Dr. Raúl Borgmann, wie regenerative Orthopädie funktioniert, welche Rolle PRP, Stoßwellentherapie und EMTT spielen und bei welchen Laufverletzungen diese Verfahren sinnvoll sein können.
Laufverletzungen ohne OP behandeln: Warum der Körper oft mehr kann, als wir glauben
Der Körper besitzt erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstheilung, sagt Dr. Raul Borgmann, Orthopäde in Freiburg. Warum regenerative Verfahren gerade für Läuferinnen ein Gewinn sind – dazu mehr im Interview.
Was bedeutet regenerative Orthopädie?
Herr Dr. Borgmann, Ihr Motto lautet „Regenerieren statt operieren“. Was versteht man unter regenerativer Orthopädie?
Dr. Borgmann: Im Kern geht es darum, das enorme Potenzial unseres Körpers zur Regeneration und Selbstheilung gezielt zu nutzen und voll auszuschöpfen – statt nur Symptome zu bekämpfen oder degeneriertes Gewebe zu entfernen. Genauso wichtig ist es, den eigentlichen Schmerzursachen auf den Grund zu gehen: zu verstehen, wie es zu den Beschwerden und den degenerativen Veränderungen gekommen ist – und dann das Problem von der Ursache her anzupacken.

Dr. Raúl Borgmann ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Diplom-Osteopath. Der Gründer der Freiburger Privatpraxis Orthopassion hat sich auf regenerative Orthopädie, Osteopathie und Bewegungsmedizin spezialisiert. Das Motto seiner Praxis lautet: „Regenerieren statt operieren.“ Dr. Borgmann betreut zahlreiche Sportler – darunter auch viele Läuferinnen und Läufer.
Privatpraxis Orthopassion Freiburg
Instagram: @orthopassion.de
Warum können regenerative Verfahren gerade für Läuferinnen interessant sein?
Laufen ist eine großartige Sportart – der menschliche Körper ist meiner Meinung nach geradezu für den langsamen Dauerlauf gemacht. Mit zunehmendem Alter lässt allerdings die Regenerationsfähigkeit des Körpers nach: Der Stoffwechsel des Gewebes und die Proteinsynthese werden langsamer. Das hängt nicht nur mit dem Alter zusammen, sondern auch mit unseren Lebensumständen, wie zum Beispiel Stress oder unserer Ernährung. Bei Läuferinnen spielen Überlastungsschäden – vor allem am Knie und an der Achillessehne – eine große Rolle und genau solche Beschwerden lassen sich mit regenerativen Verfahren hervorragend behandeln. Diese sind schonend, es gibt kein OP-Risiko und keine lange Zwangspause.
Läuferinnen wollen weiterlaufen. Der Sport ist für viele auch ein wichtiger psychoemotionaler Ausgleich.
Welche Beschwerden können mit regenerativen Verfahren behandelt werden?
Grundsätzlich lassen sich damit alle Beschwerden des Bewegungsapparates positiv beeinflussen. Bei Läuferinnen sind das typischerweise Achillessehnenbeschwerden, Probleme an der Plantarfaszie, Fersenschmerzen, das Läuferknie, das Patellaspitzensyndrom und das Schienbeinkantensyndrom. Auch degenerative Veränderungen an den Gelenken, etwa Knorpelschäden, sprechen gut an: Hier können wir das Fortschreiten mit regenerativen Verfahren auf jeden Fall verlangsamen, idealerweise sogar aufhalten. Das ist entscheidend, damit Läuferinnen langfristig auf ihrem Niveau weitertrainieren können.
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PRP-Therapie: Heilung mit körpereigenen Wachstumsfaktoren
Eine der Methoden ist die PRP-Therapie. Wie funktioniert sie genau?
PRP steht für „Platelet-Rich Plasma“, also plättchenreiches Plasma. Dabei wird dem Patienten Blut abgenommen und zentrifugiert, wodurch es sich in seine Bestandteile trennt. Blutplasma und Blutplättchen – die für die Wundheilung zuständigen Bestandteile – werden anschließend gezielt in das betroffene Gewebe gespritzt. Damit injizieren wir die konzentrierten, körpereigenen Wachstumsfaktoren genau dorthin, wo der Körper heilen soll. Entscheidend für den Therapieerfolg ist eine exakte Platzierung. Deshalb führen wir die Injektionen in der Regel ultraschallgesteuert durch. Nach der Injektion setzen die Blutplättchen über mehrere Tage bis Wochen weitere Botenstoffe frei. Dadurch wird der Heilungsprozess optimal unterstützt.
Wie wirkt die Stoßwellentherapie?
Bei der fokussierten Stoßwellentherapie werden energiereiche Schalldruckwellen gezielt in das erkrankte Gewebe geleitet. Dort setzen sie einen mechanischen Reiz, der die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe anregt. Auf diese Weise können Stoffwechsel, Durchblutung und Regenerationsfähigkeit des Gewebes verbessert werden. Das Gewebe erhält gewissermaßen den Impuls, seine eigenen Reparaturprozesse wieder stärker zu aktivieren. Die Wirkung hält auch nach der eigentlichen Behandlung noch für mindestens acht bis zwölf Wochen an. Je nach Erkrankung sind meist drei bis sechs Sitzungen im ein- bis zweiwöchigen Wochenabstand notwendig.
EMTT: Moderne Magnetfeldtherapie erklärt
Was verbirgt sich hinter der Extrakorporalen Magnetotransduktions-Therapie, kurz EMTT?
Die EMTT ist eine hochenergetische Induktionstherapie und nicht mit einer klassischen Magnetfeldbehandlung zu vergleichen. Sie arbeitet mit sehr schnell schwingenden elektromagnetischen Impulsen, die tief und weitgehend ungehindert in das Gewebe eindringen können. Da auch die Zellmembranen elektrisch geladen sind, können diese Impulse den Spannungsaufbau an den Zellen beeinflussen. Das ist unter anderem für die Bildung von ATP wichtig. ATP liefert den Zellen die Energie, die sie für Stoffwechsel-, Transport- und Reparaturprozesse benötigen.
Ein zweiter Haupteffekt: Durch die schnelle Schwingung wird auch die Zellmembran leicht hin- und hergebogen, vergleichbar mit einem Blech, das man biegt. Dieser mechanische Reiz veranlasst den Körper, vermehrt membranstabilisierende Elemente in die Zellmembran einzubauen – das ist gut für Regenerationsfähigkeit und Belastbarkeit des Gewebes.
Warum werden die Verfahren häufig kombiniert?
Sie kombinieren PRP, Stoßwelle und EMTT häufig miteinander. Warum?
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens unterstützen sich die Verfahren synergistisch und potenzieren gegenseitig ihre Wirkung. Die Stoßwelle etwa sorgt dafür, dass vermehrt CD44-Rezeptoren in die Zelloberfläche eingebaut werden, über die wiederum PRP und Hyaluronsäure entzündungshemmend wirken. Je mehr Rezeptoren im Gewebe vorhanden sind, desto stärker wirkt dieselbe PRP-Dosis entzündungshemmend. Ähnlich ergänzt sich PRP mit dem Magnetfeld: Während PRP die Regeneration anregt, stellt das Magnetfeld den Zellen mehr Substrat und Energie zur Verfügung, um diesen Heilungsauftrag tatsächlich umzusetzen. Man spricht hier auch von Soft Tissue Engineering.
Zweitens lassen sich mit den drei Verfahren unterschiedliche Gewebeanteile gezielt adressieren. Beim Patellaspitzensyndrom etwa liegt das ursprüngliche Problem in der Reizung der Patellasehne. Das PRP spritzen wir zwischen Sehne und Sehnenscheide – genau dort, wo die Sehne ohnehin natürlicherweise mit Nährstoffen versorgt wird. Das ist deutlich schmerzärmer, als direkt in die Sehne zu injizieren.
Mit der Stoßwelle behandeln wir das gesamte Sehnengewebe und regen die Regeneration des knöchernen Ansatzes an. Häufig ist beim Patellaspitzensyndrom – ähnlich wie bei Arthrose, wenn der Knorpel abnimmt – auch die knöcherne Struktur überlastet. Hier stoßen die anderen Verfahren an ihre Grenzen: Einen Knochen kann man nicht injizieren, und auch die Stoßwelle dringt nur begrenzt ein, da ein Großteil ihrer Energie an der Knochenoberfläche reflektiert wird. Das Magnetfeld hingegen dringt ungehindert bis in den Knochen vor und ist damit das Verfahren der Wahl, um genau diese Überlastungszustände zu behandeln.
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Werden die drei Verfahren grundsätzlich gemeinsam eingesetzt, oder wie treffen Sie die Entscheidung?
Die Behandlung wird immer individuell zusammengestellt. Entscheidend ist, welches Gewebe betroffen ist und mit welchem Verfahren wir dort den größten therapeutischen Effekt erzielen können. Es macht einen großen Unterschied, ob wir einen Muskel, eine Sehne, ein Band, ein Gelenk oder einen Knochen behandeln. Stoßwelle und EMTT kombinieren wir relativ häufig, weil sich beide Methoden gut ergänzen und nicht invasiv sind. PRP kommt eher bei ausgeprägteren Befunden oder als nächste Behandlungsstufe hinzu. Es handelt sich dabei zwar um einen kleinen Eingriff, dennoch ist eine Injektion für den Patienten unangenehmer als eine Behandlung mit Stoßwelle oder EMTT.
Was dürfen Läuferinnen realistisch von der Behandlung erwarten?
Unser erstes Ziel ist eine möglichst schnelle und nachhaltige Reduktion der Schmerzen sowie eine Verbesserung der Beweglichkeit. Die Läuferinnen sollen ihr Training möglichst bald wieder aufnehmen oder auf ihr vorheriges Trainingsniveau zurückkehren können. Langfristig streben wir eine vollständige Ausheilung an und möchten verhindern, dass die Beschwerden erneut auftreten.
Wie lange die Behandlung dauert, hängt stark davon ab, welches Gewebe betroffen ist und wie lange die Beschwerden bereits bestehen. Muskulatur ist gut durchblutet und stoffwechselaktiv. Sie reagiert deshalb häufig relativ schnell auf regenerative Reize. Sehnen, Bänder und Faszien haben dagegen einen langsameren Zellstoffwechsel. Hier kann die vollständige Regeneration mehrere Wochen oder Monate benötigen. Die Beschwerden bessern sich aber meistens schon viel früher.
Auf einen Blick
Kann man Laufverletzungen ohne Operation behandeln?
Ja. Je nach Diagnose können regenerative Verfahren wie PRP, Stoßwellentherapie oder EMTT die körpereigene Heilung unterstützen und eine Operation vermeiden oder hinauszögern.
Welche Laufverletzungen eignen sich für regenerative Therapien?
Dazu gehören unter anderem Achillessehnenbeschwerden, Plantarfasziitis, Läuferknie, Patellaspitzensyndrom, Schienbeinschmerzen und bestimmte Gelenkbeschwerden.
Was ist regenerative Orthopädie?
Regenerative Orthopädie nutzt die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers, um geschädigtes Gewebe zu regenerieren und Beschwerden möglichst ohne Operation zu behandeln.
Welche Vorteile haben regenerative Verfahren?
Sie sind meist schonend, zielen auf die Ursache der Beschwerden und können die Regeneration von Sehnen, Faszien, Muskeln oder Gelenken unterstützen.
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