Wüstenmarathon:

Der Marathon des Sables 2021 in Marokko – das härteste Rennen der Welt

230 Kilometer durch die Wüste

Wer bei fast 60 Grad durch die marokkanische Sahara rennt, nachts in offenen Zelten schläft und seine Verpflegung und Ausrüstung 230 Kilometer schleppen muss, samt Schlangenbiss-Set und Schlafsack, der erlebt auf jeden Fall ein unvergessliches Abenteuer.

Trail-Läufer Lord Jens Kramer aus Südtirol war bei dem anspruchsvollen Etappen-Ultramarathon dabei, wäre fast ausgeschieden und erreichte am Ende überraschend den 10. Platz. Hier das Interview zum Marathon des Sables 2021.

Du kannst das Interview auch anhören. Den Audio-Player findest du unterhalb des Textes.

„Es war mein Lebenstraum!“

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Fotocredits: Marathon des Sables 2021

RUNTiMES: Bist du jemals zuvor in Marokko gewesen?

Jens: „Ich bin zuvor noch nie in Marokko geschweige denn in Afrika gewesen. Dennoch hat mich die Kultur und die Landschaft immer schon fasziniert. Das war auch ein Grund, warum ich bei dem Rennen unbedingt mal dabei sein wollte, dieses schöne Land zu besuchen.“

RUNTiMES: Wie, wann und warum wurde es dein Ziel, bei diesem Extremlauf in der Wüste teilzunehmen?

Jens: „Vor ungefähr 20 Jahren habe ich auf einem bekannten Videoportal einen Trailer über den Marathon des Sables gesehen. Ich war sofort hin und weg von der Landschaft und von dem Rennen. Ich beschloss, dass ich unbedingt einmal dabei sein muss. So entstand ein Lebenstraum. Ich musste nur noch anfangen das Laufen zu trainieren, da ich zuvor noch gar kein Läufer war 😂.

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RUNTiMES: Was muss man über den Marathon des Sables  wissen? Was ist das für ein Laufevent?

Jens: „Der Marathon des Sables (MDS) ist ein anspruchsvoller Etappen-Ultramarathon, der seit 1986 von dem Franzosen Patrick Bauer in der marokkanischen Sahara organisiert wird. Die etwa 250 Kilometer lange Strecke wird für jeden Lauf – also jedes Jahr – neu bestimmt. Es gibt sechs Etappen in sieben Tagen: fünf Etappen zwischen 25 und 42 km und eine Etappe von rund 85 km, die es an einem Stück in knapp zwei Tagen (40 Stunden) zu absolvieren gilt.

Neben der Wüste und dem dazu gehörenden Wetter ist eine weitere Herausforderung, dass die Läufer ihre persönlichen Utensilien und die gesamte Verpflegung mit sich tragen müssen. Nur das tägliche Wasser (ungefähr neun Liter, abhängig von der Länge der Etappen) und ein offenes Zelt wird vom Veranstalter gestellt. Und natürlich müssen die Teilnehmer auch eine kleine Überlebensausrüstung wie Schlafsack, Schlangenbiss-Set und 2000 kcal Energie pro Tag mitnehmen.

Tagsüber ist es sehr heiß, nachts wird es richtig kalt – da muss man schon vorher genau wissen, was man braucht. Normalerweise geben 5 bis 8% der Teilnehmer aus unterschiedlichen Gründen auf. Eigentlich eine sehr niedere Ausfallquote. Bei der 35.Ausgabe wurden Temperaturen bis 59° Grad gemessenen und ging somit mit den härtesten Bedingungen und der größten Ausfallquote von über 51% in die Geschichte ein.“

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RUNTiMES: Wie hattest du dir dieses Abenteuer vorgestellt?

Jens: „Ich wusste, dass das Rennen hart sein würde. Die Hitze und das Sand würden mir schwer zu schaffen machen. Ich dachte ich wäre gut vorbereitet, doch es war bei weitem härter als ich mir das vorgestellt habe.“

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RUNTiMES: Wie bereitet man sich denn in Südtirol auf einen Wüstenlauf vor?

Jens: „Klar, in Südtirol auf den Bergen zu wohnen ist sicher nicht optimal, um sich auf einen Wüstenlauf vorzubereiten. Dennoch konnte ich mit Läufen im Tiefschnee den Sand simulieren. Was das Training mit der Hitze anbelangt, habe ich anfangs das Zwiebelprinzip angewandt. Das bedeutet, dass ich mehrere Schichten Kleidung übereinander angezogen habe und bin dann so laufen gegangen. Ich muss wie ein Mann auf dem Mond ausgeschaut haben. Deshalb habe ich einen benachbarten Freund gefragt, ob ich seine Sauna benutzen dürfe. Er hat es mir erlaubt und so habe ich kurzerhand die Bänke der Sauna ausgebaut und ein Laufband hineingestellt. So konnte ich mich an die Hitze sehr gut gewöhnen, versteckt vor neugierigen Blicken.“

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RUNTiMES: Wie teuer und aufwendig ist es, beim Marathon des Sables dabei zu sein?

Jens: „Die Teilnahme am Marathon des Sables ist zum Vergleich zu anderen Rennen sicher sehr teuer. Allein die Einschreibung kostet schon an die 3.300 Euro. Flug und Hotel noch nicht mitgerechnet. Hier kommen noch mal an die 700 Euro dazu. Dann kommt die ganze Ausrüstung dazu. Hier sollte natürlich nicht an der Qualität gespart werden, denn die Klamotten werden echt an ihre Grenzen gebracht. Schließlich handelt es sich um dein Leben, das du dem Material für diese extreme Zeit anvertraust. Die Wüste verzeiht hier nichts. Schlafsack, Rucksack, Schuhe, Matratze, Schlangenbissset und so weiter. Da kommen dann locker noch mal 1.500 Euro dazu. Also alles im allem an die 5.500 Euro. Aber eigentlich gar nicht so viel, wenn man das einmalig schöne Abenteuer betrachtet.“

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RUNTiMES: Was waren deine ersten Eindrücke, was für Menschen hast du kennengelernt und wie war die Stimmung vor dem Start?

Jens: „Die ersten Schritte bei der Ankunft aus dem Flugzeug ließen mich erahnen, wie heiß es werden würde. Doch wir wurden von der Organisation und von den Einheimischen so freundlich begrüßt, dass ich die anstehenden Strapazen fürs erste vergaß. Exotische Klänge einer einheimischen Gruppe von Musikanten ließ die Stimmung für uns Teilnehmer nochmals ansteigen. Das Bestaunen der fremdartig schönen Landschaft lag erst einmal im Vordergrund und ich geriet sofort ins Schwärmen. Erst das Besteigen des völlig aufgeheizten Busses hat mich aus meinen orientalischen Phantasien gerissen und mich in die bittere Realität zurückgeholt.“

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RUNTiMES: Was waren die krassesten, schönsten und schlimmsten Momente und was war dein Highlight bei dem Rennen?

Jens: „Krass waren für mich die ersten Meter im heißen Sand. Es war als würden mich zwei Männer festhalten. Die ganze Kraft, die man beim Laufen in den Schritt setzt, versickern förmlich im Sand. Das Land ist noch weicher als der Sand, dem man vom Meer her kennt. Das hat mich ziemlich in Panik versetzt. Als dann auch noch mein Wasser am ersten Tag, etwa 5km vor dem Ziel, zu Ende ging, dachte ich mir ich beiß halt die Zähne zusammen und bring das locker zum Ende. Doch dann merkte ich mehr und mehr: ohne Wasser in der Wüste zu laufen ist wie ein Motor ohne Benzin. Ich kam einfach nicht mehr von der Stelle. Das Ziel wollte und wollte einfach nicht näher kommen. Es kam einem Hitzeschlag sehr nahe. Kein Wunder – am nächsten Tag waren die Temperaturen schon weit über 50° Grad.

Dennoch gab es natürlich auch schöne Augenblicke. Traumhaft sind in der Wüste die Sonnenaufgänge und Untergänge. Die große rote Scheibe schiebt sich so greifbar nahe über die Dünen in den Himmel. Für mich immer ein faszinierender Moment, den ich immer sehr genossen habe. Auch der Sternenhimmel ist hier sagenhaft. So viel Sterne habe ich noch nie gesehen. Und nachts in dem offenen Zelt zu liegen und diesen Himmel zu betrachten ist einfach unvergesslich schön.

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Einer der schlimmsten Momente war sicher als uns am zweiten Tag verkündet wurde, dass ein Teilnehmer in den Dünen nach einem Kreislaufzusammenbruch verstorben war. Schuld waren sicher die Rekordtemperaturen von 59° Grad an diesem Tag. Alle waren so geschockt von der Nachricht und ich hatte an diesem Abend im Zelt viel nachzudenken.

Zudem kam am vierten Tag bei mir eine Dehydration. Es war hier die längste Etappe mit 82 km. Doch bereits nach 30km lag ich argen Problemen im Medical Tent. Diese Minuten fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Doch ich erholte mich zum Glück ein wenig und konnte wieder gehen. Beim nächsten Checkpoint konnte ich wieder laufen und ich erholte mich sogar soweit, dass ich an diesem Tag die Beste Platzierung überhaupt hatte.

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Im Grunde war jeder Schritt in der Wüste ein Highlight, denn sie waren alle hart erkämpft. Dennoch ist das wahre Highlight für mich natürlich das unfassbar gute Ergebnis in der Gesamtwertung. Den 10. Platz errungen zu haben – mit dieser Platzierung hätte ich niemals gerechnet. Mein oberstes Ziel war ja heile anzukommen. Ich hatte vielleicht geliebäugelt, unter den ersten 50 zu sein. Aber dann auch noch in den Top 10 zu erscheinen, ist für mich immer noch unglaublich.

Der 35. Marathon des Sables war ein Highlight durch und durch.“

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RUNTiMES: Wie geht es dir jetzt, wo du dieses Ziel mehr als erreicht hast? Hast du schon wieder “Hummeln im Hintern” oder bist du total zufrieden und machst erst mal eine lange Pause?

Jens: „Ganz ehrlich: Ich bin immer noch sehr müde und verarbeite das Erlebte. Ich bin wirklich momentan sehr zufrieden und gelassen. Ich habe so lange darauf hingearbeitet, dass ich eigentlich nicht darüber nachgedacht habe, was danach kommt.

Ich habe mich letzter Zeit etwas zurückgenommen, um alles um mich herum bewusst zu genießen. Die Lust zu laufen ist natürlich immer noch ungebrochen, deshalb habe ich schon einige neue Abenteuer im Kopf. Also definitiv wieder Hummeln im Hintern.“

Danke für das Interview!

Mehr über Jens findet ihr auf seiner Webseite www.lordjenskramer.com

Das vollständige Interview von Tabitha mit Jens Kramer in unserem Audio-Player:

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