Nicht schneller, sondern stimmiger: Weg von Pace, Bestzeiten, Social-Media-Vergleichen hin zu uns selbst als Läuferinnen

Laufen 40+: Warum Frauen jetzt anders laufen wollen – und viel dabei gewinnen

Von Frauke Gerbig

Laufen Frauen ab 40

Kennt ihr das Gefühl? Dass das Laufen zwar nach wie vor schön und unkompliziert ist, dass wir uns aber irgendwie nach etwas anderem, vielleicht zusätzlichem, sehnen?

Weg von Puls, Pace und persönlichen Bestzeiten, hin zu einem bewussten, stimmigeren Laufen, das besser zu unserer neuen Lebenssituation passt? Nein. Ihr braucht deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn wenn wir bewusst unsere Bedürfnisse wahrnehmen und entsprechend trainieren, stärken wir nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Seele.

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Sehnsucht nach was anderem

Ehrlich gesagt können wir uns alle auf die Schultern klopfen. Was haben wir Frauen um die 40+ bereits alles geleistet! Beruf und Familie oft gleichzeitig gewuppt und uns dabei noch mit Laufen und anderen Sportarten fit gehalten. Haben auf Wettkämpfe trainiert, haben die Euphorie gespürt, wenn wir gemeinsam mit der Community durchs Ziel gelaufen sind. Heldinnen, wir alle.

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Doch ist das Abliefern von Leistung immer so erstrebenswert? „Viele meiner Klientinnen sagen, dass sie sich nach etwas anderem sehnen“, erzählt Karin Engert, Lauf- und Fitness-Coachin für Frauen in München. „Sie wollen nicht mehr nur ihre Kilometer abspulen, ihre Tempoläufe machen. Sie wollen gesund und fit bleiben. Und ihre Sportlichkeit ins Alter tragen.“

Engert bietet seit 2006 Laufkurse für Frauen an. „Früher waren es vor allem Mütter, die neben der Familienarbeit etwas für sich tun wollten und in der Lauf-Gruppe Unterstützung gesucht und gefunden haben“, sagt Engert. „Heute sind es mehr berufstätige Frauen, die sich von mir ganzheitlich coachen lassen.“

„Strahlkraft der Gesundheit“, nennt Engert ihren Ansatz und versteht darunter ein Paket, dass verschiedene Aspekte beinhaltet: Ernährung, Entspannung, Erholung und Fitness. „Laufen bleibt immer ein wichtiger Teil des Pakets“, sagt Engert. „Aber halt nicht nur.“

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Hunger nach Bestzeit lässt nach

Jede von uns Frauen erlebt die Zeit zwischen 40+ und 50+ unterschiedlich: Die einen strotzen vor Energie, sind gar nicht oder nur wenig von Hormonschwankungen und körperlichen Veränderungen betroffen.

Doch irgendwann spüren wir sie doch: die kleinen Abweichungen. Beispielsweise, wenn wir nach einem harten Training länger brauchen, um uns zu erholen. Dass wir nach einem stressigen Tag im Job oder zuhause uns mehr nach einem heißen Bad als nach einer weiteren Laufeinheit sehnen. Dass der Hunger nach einer neuen Bestzeit nachlässt.

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Engert: „Manche Klientinnen kommen zu mir und sagen, dass sie sich immer öfters erschöpft fühlen. Keinen Elan für die nächste Laufeinheit spüren. Sich aber nicht trauen, diesem Gefühl nachzugeben, weil sie es gewohnt sind, ihren Soll zu erfüllen.“ Engert schüttelt den Kopf. „Ich kann dieses Gefühl nachvollziehen. Frauen in unserem Alter sind erzogen worden, jederzeit stark und leistungsfähig zu sein.“

Frauen-Lauf-Special Frauen laufen anders, haben andere Bedürfnisse und Ziele und wurden doch viel zu lange auch im Laufsport nicht wirklich ernst genommen: Ob bei der Entwicklung und Produktion von Laufschuhen, Rucksäcken oder anderem Sport-Equipment, aber auch bei Nahrungsergänzungsmitteln und in der Trainingslehre orientierte man sich lange am männlichen Körper. Wir geben Tipps von erfahrenen Fachhändlerinnen, Trainerinnen, Läuferinnen und Expertinnen aus ganz verschiedenen Wissensbereichen und werden einen neuen Blick auf den Markt, in die Laufläden und auf die Trainingssteuerung werfen.

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Wir haben keine Bringschuld mehr

Durch unsere körperlichen und hormonellen Veränderungen brauchen wir einen anderen Umgang mit uns selbst. „Wir müssen lernen, nachsichtiger mit uns zu sein. Unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und umzusetzen. Das hat nicht damit zu tun, dass wir nicht mehr leistungsfähig sind.“

Engert findet klare Worte: „Wir haben keine Bringschuld mehr.“ Erstaunlich, wie tief dieses Gefühl in uns sitzt. Wie schwer es uns fällt, daran zu glauben. Laut zu sagen: Wir müssen keine Leistung bringen. Wir können und sollten auf unsere Körper hören, denn nur so schaffen wir es, dass wir gesund und fit älter werden und uns so bewegen können, wie es uns vorschwebt.

Engert, Jahrgang 1962, bezeichnet sich seit einigen Jahren nicht mehr als Läuferin, sondern als Ganzjahres-Ausdauersportlerin. „Ich laufe immer noch jede Woche,“ sagt die Münchnerin, „aber ich fahre auch Rennrad und Mountainbike, gehe schwimmen und in die Berge.“ Der Sport-Mix macht ihr Spaß, zusätzlich vermeidet sie einseitige Belastungen und reduziert Verletzungen.

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Erfolg ist mehr als Bestzeit

Sie hat gelernt, auf die Zeichen zu hören, die ihr Körper ihr gibt. Erfolg nicht mehr an einer Bestzeit festzumachen, sondern daran, wie wohl sie sich fühlt, wie viel Energie sie spürt. Wie bringt sie diese neue Definition von Erfolg ihren Klientinnen bei?

„Manche Frauen vertrauen den Auswertungen ihrer Laufuhren mehr als ihren eigenen Wahrnehmungen“, sagt Engert. „Ich motiviere diese Läuferinnen, doch mal ohne Uhr zu laufen. Sich während des Laufens zu unterhalten. Auf die Geräusche im Wald zu achten. Vogelgezwitscher. Knacken von Ästen. Wind, der durch die Bäume streift.“ Ganz bei sich zu sein in diesem Moment, was für eine Wohltat: Für Körper und Geist. Für die gute Laune.

Engert: „Nach so einem Lauf kommen wir erfüllt nachhause, nicht gestresst. Wir können uns besser entspannen und uns regenerieren. Das Leben mehr genießen. Welchen Sinn macht es für Frauen in der Menopause, die sich sowieso oft abgeschlagen fühlen und schlecht schlafen, mit starren Trainingsplänen zu kommen?“ Engert schüttelt den Kopf.

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Karin Engert bietet seit 2006 Laufkurse für Frauen in München an (www.fitness-engert.de). In den vergangenen Jahren hat sie ihr Angebot auf Fitness- und Ausdauersportarten erweitert.

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Reden nimmt uns die Scham

Die Münchner Lauf-Coachin findet es gut, dass sich die Frauen in ihren Laufgruppen untereinander austauschen und unterstützen: „Die eine kennt eine verständnisvolle Gynäkologin, die andere hat mit einem speziellen Hormonersatzprodukt Erfahrung gemacht.“ Fest steht: Wenn wir Frauen offen sind und uns vertrauen, verlieren wir die Scham, die viele Frauen nach wie vor empfinden, wenn wir in die Menopause kommen mit ihren vielfältigen körperlichen und emotionalen Herausforderungen.

Engert: „Diese Erfahrungen zu teilen, zu netzwerken, ist auf jeden Fall eine Bereicherung. Sport können und sollten wir immer als Teil unseres Alltags sehen, aber vielleicht anders als noch vor zehn Jahren.“ Denn Laufen und Sport im Allgemeinen, ist eine wunderbare Beschäftigung, eine tolle Bestätigung unseres Körpers, eine Energiequelle, die uns immer zur Verfügung steht, vorausgesetzt, wir gehen achtsam mit ihr um.

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Laufen im Hier und jetzt

Apropos achtsam. Ein Wort, das aktuell zwar etwas überstrapaziert wird. Das aber trotzdem genau das auf den Punkt bringt, was wir uns zuflüstern sollten, wenn wir mal wieder besonders streng zu uns sind. Engert etwa bietet immer mal wieder sogenannte Achtsamkeitsläufe an. Läufe, in denen sich die Teilnehmerinnen bewusst auf ihre Sinne konzentrieren.

Engert: „Also, was höre ich, was rieche ich, was sehe ich, was spüre ich? Nach den Läufen können sich die Frauen untereinander austauschen. Viele empfinden dieses sich Einlassen aufs Hier und jetzt als schwierig, sind ständig mit den Gedanken entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft.“

Anders laufen ist mehr

Das wäre doch eine inspirierende Frühlings-Challenge für uns Frauen: Die Pulsuhr und das Handy zuhause zu lassen, sich bei den Läufen ruhig mal treiben lassen, mal nach rechts oder nach links abbiegen, statt die gewohnte Strecke zu nehmen.

Abwechslung ist Trumpf: Auf dem Spielplatz ein paar Klimmzüge machen, auf der Parkbank ein paar Push-ups, die Treppen rauf – und runterlaufen, und dabei auf die Geräusche der Umgebung zu achten: Das Rufen des Kuckucks, das Lachen der Kinder, das Bellen eines Hundes. Den warmen Wind auf der Haut spüren oder die Regentropfen. Das Grün der Gräser und Bäume wahrnehmen. Den zarten Duft der aufbrechenden Blüten einatmen.

Anders zu laufen mit 40+ ist nicht weniger. Es ist mehr.

Autorin: Frauke Gerbig, (Jahrgang 1963) ist freie Journalistin und hat in den vergangenen Jahren vor allem für das Fitnessmagazin und das Rucksackradio des Bayerischen Rundfunks (Radio) gearbeitet. Sport gehört zu ihrem Alltag.

Fotos: deuter

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