Anlaufschmerz, Ziehen oder eine verdickte Achillessehne? Orthopäde Dr. Raúl Borgmann erklärt, welche Warnzeichen Läuferinnen ernst nehmen sollten, wie sie ihr Training anpassen und welche Therapien die Regeneration der Sehne unterstützen können.

Die Achillessehne: Warum Läuferinnen sie ernst nehmen sollten, bevor es zu spät ist

Sie ist die stärkste Sehne des menschlichen Körpers und muss beim Laufen enorme Kräfte aushalten: die Achillessehne. Beschwerden beginnen oft schleichend, gerade das macht sie tückisch. Orthopäde Dr. Raul Borgmann erklärt, welche Warnzeichen Läuferinnen ernst nehmen sollten, warum nicht immer nur die Sehne selbst das Problem ist und welche Behandlungen sich bewährt haben.

Achillessehnenprobleme beim Laufen

Stoßwellentherapie kann bei Achillessehnenproblemen beim Laufen helfen

Achillessehnenprobleme beim Laufen

Ohne die Achillessehne wäre effizientes Laufen kaum möglich. Sie verbindet die Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein und überträgt bei jedem Schritt die Kraft der Wade auf den Fuß. „Die Achillessehne wirkt dabei wie eine Sprungfeder“, erklärt Dr. Raul Borgmann. „Sie speichert Energie und gibt diese beim Abdruck wieder ab. Genau diese Federfunktion macht das Laufen so ökonomisch.“

Gleichzeitig ist die Belastung enorm. Beim Laufen wirken Kräfte auf die Sehne, die ungefähr dem Sechs- bis Achtfachen des Körpergewichts entsprechen können. Beim Sprinten oder Springen können sie noch deutlich höher liegen. „Die Achillessehne ist einerseits extrem leistungsfähig, andererseits aber auch überlastungsgefährdet“, sagt Dr. Borgmann.

Achillessehnenprobleme beim Laufen

Dr. Raúl Borgmann ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Diplom-Osteopath. Der Gründer der Freiburger Privatpraxis Orthopassion hat sich auf regenerative Orthopädie, Osteopathie und Bewegungsmedizin spezialisiert. Das Motto seiner Praxis lautet: „Regenerieren statt operieren.“ Dr. Borgmann betreut zahlreiche Sportler – darunter auch viele Läuferinnen und Läufer.

Privatpraxis Orthopassion Freiburg

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Der typische Warnruf: Schmerzen bei den ersten Schritten

Achillessehnenbeschwerden kündigen sich häufig nicht mit einem plötzlichen starken Schmerz an. Typischer ist ein schleichender Beginn. „Klassisch ist der Anlaufschmerz morgens oder nach längerem Sitzen“, erklärt Dr. Borgmann. „Die Sehne fühlt sich zunächst steif und schmerzhaft an. Nach einigen Schritten wird es dann besser.“

Auch während des Laufens kann sich die Sehne bemerkbar machen. Manche Läuferinnen spüren zunächst ein Ziehen oder einen brennenden Schmerz, der nach einigen Minuten wieder nachlässt. Das Problem scheint sich im wahrsten Sinne des Wortes „einzulaufen“.

Ein weiteres Warnzeichen kann eine tastbare Verdickung der Sehne sein.

Der häufigste Fehler: zu viel, zu schnell

Zu den häufigsten Ursachen gehört eine zu schnelle Steigerung der Trainingsbelastung: Mehr Kilometer, schnelleres Tempo, zusätzliche Bergläufe. „Der klassische Fehler ist: zu viel, zu schnell“, sagt Dr. Borgmann.

Das Problem dabei: Herz-Kreislauf-System und Muskulatur können sich vergleichsweise schnell an neue Trainingsreize anpassen. Sehnen, Bänder und Faszien benötigen dafür wesentlich länger. „Die Muskulatur ist ein gut durchblutetes, sehr vitales Gewebe und reagiert relativ schnell auf einen Trainingsreiz“, erklärt Dr. Borgmann. „Sehnen, Bänder und Faszien brauchen dagegen deutlich mehr Zeit.“

Gerade deshalb sollte der Trainingsumfang schrittweise gesteigert werden. Auch intensive Berg- und Tempoläufe sollten nicht plötzlich in größerem Umfang in den Trainingsplan aufgenommen werden.

Nicht immer ist nur die Achillessehne das Problem

Dr. Borgmann betrachtet Achillessehnenbeschwerden nicht ausschließlich als lokales Problem. Auch andere körperliche Faktoren können dazu beitragen, dass die Sehne dauerhaft ungünstig belastet wird. Dazu gehören beispielsweise Fußfehlstellungen, Veränderungen der Beinachse, muskuläre Dysbalancen oder Probleme im Bereich des Beckens. „Eine Beckendysfunktion kann beispielsweise zu einer funktionellen Beinlängendifferenz führen“, erklärt der Orthopäde. „Dadurch kann ein asymmetrischer Zug in der hinteren Beinkette entstehen und die Achillessehne auf einer Seite stärker belastet werden.“

Achillessehne in der Perimenopause: Warum die Regeneration länger dauern kann

Auch hormonelle Veränderungen können bei Achillessehnenproblemen eine Rolle spielen. Das betrifft vor allem Läuferinnen in der Perimenopause und nach der Menopause. Denn Östrogene beeinflussen unter anderem den Kollagenstoffwechsel. Sinkt der Östrogenspiegel, verändert sich damit auch die Regenerationsfähigkeit des Bindegewebes und der Sehnen. „Rund um die Perimenopause kann die Regeneration der Sehnen mehr Zeit benötigen“, sagt Dr. Borgmann. „Bei intensiven Trainingsreizen sollte dieser Aspekt berücksichtigt werden.“

Darf man mit Achillessehnenschmerzen weiterlaufen?

Schmerzen an der Achillessehne bedeuten nicht automatisch ein vollständiges Laufverbot. In vielen Fällen kann weiter trainiert werden, sagt Dr. Borgmann – allerdings nicht unverändert.

„Entscheidend ist, die Beschwerden ernst zu nehmen und die Belastung deutlich zu reduzieren.“

Die Belastungssteuerung orientiert sich dabei vor allem an den Symptomen. Dr. Borgmann nennt als Orientierung eine Reduktion des Trainingsumfangs um etwa 30 Prozent unter das Niveau, bei dem die Beschwerden auftreten.

Auch die Art des Trainings sollte angepasst werden. Intensive Tempoläufe, Bergläufe und andere stark belastende Einheiten sollten zunächst reduziert werden. Ruhigere, langsame Dauerläufe sind dann besser verträglich.

Besonders wichtig ist es, die Reaktion des eigenen Körpers nach dem Training zu beobachten: „Während der Belastung darf man die Sehne durchaus ein bisschen spüren“, erklärt Dr. Borgmann. „Wenn die Schmerzen aber Stunden später noch stärker sind oder die Morgensteifigkeit am nächsten Tag zugenommen hat, war die Belastung zu hoch.“ In solchen Fällen gilt: das Training weiter anpassen. „Ziel ist nicht, die Sehne komplett zu schonen, sondern sie kontrolliert zu belasten, ohne den Reizzustand weiter zu verstärken“, sagt Dr. Borgmann.

Wann zum Arzt bei Achillessehnenschmerz?

Nicht jeder leichte Schmerz nach einem langen Lauf erfordert sofort einen Arztbesuch. „Wenn die Schmerzen länger als zwei bis drei Wochen anhalten oder bereits eine deutlich tastbare Verdickung der Achillessehne vorhanden ist, sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden“, rät Dr. Borgmann.

Anders sieht es aus, wenn die Schmerzen plötzlich auftreten: „Bei einem abrupten stechenden Schmerz oder einem Kraftverlust sollte man die Sehne sofort untersuchen lassen“, sagt der Orthopäde. Dahinter kann beispielsweise eine Teilruptur der Achillessehne stecken.

Zur Diagnostik gehören neben einem Gespräch über die Beschwerden und die Trainingsbelastung auch die körperliche Untersuchung. Einen besonders hohen Stellenwert hat der anschließende Ultraschall: Damit lassen sich unter anderem Dicke und Struktur der Sehne beurteilen. Auch eine verstärkte Gefäßneubildung im erkrankten Sehnengewebe, eine sogenannte Neovaskularisation, kann sichtbar gemacht werden. „Ein MRT ist nicht in jedem Fall notwendig“, sagt Dr. Borgmann. „Ein MRT empfiehlt sich vor allem bei ausgeprägteren Befunden oder bei Verdacht auf eine Teilruptur.“

Zu einer seriösen Untersuchung gehört für Dr. Borgmann auch die Suche nach möglichen Ursachen außerhalb der Sehne. Wichtig ist daher der Blick auf die gesamte Bewegungskette: Wie stehen die Füße? Wie verlaufen die Beinachsen? Wie beweglich und kräftig ist die hintere Muskelkette? Gibt es Auffälligkeiten im Bereich des Beckens oder der Wirbelsäule?

Die besten Übungen und Therapien bei Achillessehnenproblemen

Die Zeiten, in denen Sehnenprobleme vor allem mit Schonung behandelt wurden, sind weitgehend vorbei. „Das Fundament der Behandlung ist für mich die Kombination aus gezieltem Sehnentraining und fokussierter Stoßwellentherapie“, sagt Dr. Borgmann.

Beim sogenannten exzentrischen Training arbeitet der Muskel unter Spannung, während er langsam nachgibt und sich verlängert. Ein bekanntes Beispiel für die Achillessehne ist das langsame Absenken der Ferse über eine Stufenkante.

Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte Heavy Slow Resistance Training. Dabei hebt der Läufer die Fersen langsam an, stellt sich also auf die Zehenspitzen, und senkt sie anschließend ebenso langsam wieder ab. Durch zusätzliche Gewichte – etwa in einem Rucksack oder an einem Trainingsgerät – wird die Wadenmuskulatur stärker belastet. „Ziel ist es, die Belastbarkeit der Sehne schrittweise wieder aufzubauen“, erklärt Dr. Borgmann.

Bei der fokussierten Stoßwellentherapie wiederum werden hochenergetische Schalldruckwellen von außen sehr gezielt auf den erkrankten Bereich der Achillessehne gerichtet. Die mechanischen Impulse sollen dort die körpereigenen Reparaturprozesse anregen, die Durchblutung und den Stoffwechsel im Gewebe fördern und Heilungsprozesse unterstützen. Behandelt wird dabei genau die Region, die zuvor beispielsweise im Ultraschall als verändert identifiziert wurde. Je nach Befund sind drei bis sechs Sitzungen erforderlich.

Ergänzend können weitere physikalische Verfahren zum Einsatz kommen. Bei der Lasertherapie wird das betroffene Gewebe mit gebündeltem Licht behandelt, um Stoffwechsel- und Regenerationsprozesse zu unterstützen. Auch die Magnetfeldtherapie wird teilweise ergänzend eingesetzt. „Welche Verfahren sinnvoll sind, hängt jedoch immer davon ab, wo die Achillessehne geschädigt ist, wie ausgeprägt die Veränderungen sind und wie lange die Beschwerden bereits bestehen“, sagt Dr. Borgmann.

PRP als zusätzliche Therapieoption

Wenn die Basistherapie nicht ausreichend hilft, ist die sogenannte PRP-Therapie eine gute Option. PRP steht für „Platelet Rich Plasma“, also plättchenreiches Plasma. Dafür wird dem Patienten Blut abgenommen und speziell aufbereitet. Dabei wird der flüssige Anteil des Blutes so konzentriert, dass er besonders viele Blutplättchen und Wachstumsfaktoren enthält. Das PRP wird dann ultraschallgesteuert in den Bereich um die betroffene Sehne injiziert. Das Ziel besteht nicht nur darin, Schmerzen möglichst schnell zu reduzieren. „Entscheidend ist, die Sehne langfristig wieder belastbarer zu machen und das Risiko erneuter Beschwerden zu senken“, betont Dr. Borgmann.

So können Läuferinnen vorbeugen

Am besten ist natürlich, wenn die Achillessehne gar nicht erst dauerhaft überlastet wird. Ein wichtiger Faktor ist deshalb ein sinnvoll aufgebautes Training. „Der Trainingsumfang sollte langsam und kontrolliert gesteigert werden“, rät Dr. Borgmann. Das gilt insbesondere nach längeren Pausen, beim Wiedereinstieg nach Verletzungen oder wenn plötzlich zum Beispiel mehr Bergtraining geplant ist.

Auch die rückwärtige Muskelkette sollte regelmäßig trainiert werden. Dazu gehören nicht nur die Waden, sondern ebenso Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur. Eine Faszienrolle oder eine Massagepistole können ergänzend genutzt werden, um verspannte Bereiche der hinteren Muskelkette zu bearbeiten.

Wer immer wieder an derselben Stelle Beschwerden entwickelt, sollte zudem überprüfen lassen, ob biomechanische Faktoren eine Rolle spielen. „Eine Haltungs- und Bewegungsanalyse kann beispielsweise Auffälligkeiten am Fuß, an der Beinachse oder am Becken sichtbar machen“, so Dr. Borgmann.

Autorin: Gabriele Hellwig

Foto: Orthopassion

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Auf einen Blick

Was sind die ersten Anzeichen für Achillessehnenprobleme?

Typisch sind Anlaufschmerzen morgens oder nach längerem Sitzen. Auch ein Ziehen oder brennender Schmerz beim Laufen, der nach einigen Minuten nachlässt, sowie eine tastbare Verdickung der Sehne können Warnzeichen sein.

Darf ich mit Achillessehnenschmerzen weiterlaufen?

Achillessehnenschmerzen bedeuten nicht automatisch ein Laufverbot. Entscheidend ist, die Belastung deutlich zu reduzieren. Nehmen die Beschwerden nach dem Training oder die Morgensteifigkeit am nächsten Tag zu, war die Belastung zu hoch.

Wie stark sollte ich das Lauftraining reduzieren?

Dr. Raúl Borgmann nennt als Orientierung eine Reduktion des Trainingsumfangs um etwa 30 Prozent unter das Niveau, bei dem die Beschwerden auftreten. Intensive Tempo- und Bergläufe sollten zunächst reduziert werden.

Wann sollte ich mit Achillessehnenschmerzen zum Orthopäden?

Halten die Schmerzen länger als zwei bis drei Wochen an oder ist die Achillessehne deutlich verdickt, sollte die Ursache ärztlich abgeklärt werden. Bei plötzlich auftretendem stechendem Schmerz oder Kraftverlust sollte die Sehne sofort untersucht werden.

Welche Rolle spielen die Wechseljahre bei Achillessehnenproblemen?

Östrogene beeinflussen den Kollagenstoffwechsel. Sinkt der Östrogenspiegel, kann sich die Regenerationsfähigkeit von Bindegewebe und Sehnen verändern. Rund um die Perimenopause kann die Regeneration der Sehnen deshalb mehr Zeit benötigen.

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