Ohne Sicht, aber immer mit einem gemeinsamen Ziel: Ein Gespräch mit einer Achilles-Athletin
RUNTiMES im Gespräch mit Annette von Achilles International Germany e.V.
Seit ihrer Geburt ist sie blind – doch das hält sie nicht davon ab, große Laufträume zu verwirklichen. Im November hat sie den New York City Marathon geschafft – ein herausragendes Ergebnis, das nicht nur ihre persönliche Stärke zeigt, sondern auch das Herz von Achilles International Germany e.V. widerspiegelt.

Achilles International Germany e.V. ist ein gemeinnütziger Laufverein, der Menschen mit den verschiedensten Behinderungen – von Blindheit über Amputationen bis hin zu Multipler Sklerose – gemeinsam mit nicht beeinträchtigten Läuferinnen und Läufern über sogenannte Guides verbindet. Die Teilnahme an den Lauftreffs ist kostenlos, denn Achilles finanziert sich ausschließlich über Spenden. Aktuell existieren sechs „Local Clubs“ in Deutschland, in denen regelmäßig inklusive Lauftreffen stattfinden, bei denen physische und mentale Barrieren gemeinsam überwunden werden. Außerdem gibt es eine deutschlandweite Gruppe.
In diesem Interview geht es um Motivation, Alltag und echte gelebte Inklusion.
Wie kamst du zu Achilles International Germany e.V. ?
Annette: Als ich 2017 von Berlin wieder zurück nach München gezogen bin, fiel mir das Wiedereinleben nicht ganz leicht; ich fühlte mich, da ich auch gerade eine Trennung hinter mir hatte, ein bisschen lost. Schon länger hatte ich mir vorgenommen, endlich mal ein bisschen Sport zu treiben, und stieß beim Googeln sogleich auf Achilles International Germany e.V.. Das ist ein Laufsportverein, in dem Läuferinnen und Läufer mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam unterwegs sind; Sportler ohne unterstützen dabei diejenigen mit einer Beeinträchtigung und ermöglichen ihnen so, den Sport überhaupt auszuüben. In München bietet Achilles zweimal die Woche einen Lauftreff an, zu dem ich dann einfach hingegangen bin und herzlich aufgenommen wurde. Da mir das Laufen allerdings zu Beginn nicht ganz so leichtfiel (es war einfach doch ein bisschen anstrengend), bin ich leider nur äußerst unregelmäßig hingegangen…
Was hat dich davon überzeugt, trotz deiner Blindheit regelmäßig zu laufen?
Einigermaßen regelmäßig laufe ich seit dem zweiten Corona-Lockdown 2020. Da Sport im Freien zu zweit als eine der wenigen Freizeitaktivitäten noch erlaubt war und ich mehr Zeit hatte als sonst, nahm ich mir vor, dem Laufen noch mal eine Chance zu geben. Achilles hat mir dann zwei Guides (Jan und Gabriel) vermittelt, die von da an regelmäßig (jeweils einmal die Woche so 6 km) mit mir gelaufen sind. Die gemeinsame Bewegung draußen und die netten und interessanten Gespräche, die wir dabei hatten, waren eine super Ablenkung von der Arbeit, den Corona-Nachrichten und vom Lockdown, und nebenbei habe ich ganz langsam aber sicher ein bisschen Kondition aufgebaut und mich an das regelmäßige Laufen gewöhnt. Die beiden, die natürlich viel sportlicher waren als ich, haben sich auf mein Tempo eingestellt und mich durch ihre viel bessere Kondition natürlich trotzdem motiviert. Wenn man verabredet ist, entscheidet man sich auch nicht so einfach kurzfristig dazu, wegen des ach so schlechten Wetters oder plötzlich auftretender Unlust doch nicht zu laufen. 😉 2021 wechselte ich die Arbeitsstelle und die neuen Kollegen haben mich sofort in ihre Laufgruppe integriert, so dass ich eine weitere Laufgelegenheit und -Motivation hatte.
Als dann die Lockerungen der Corona-Maßnahmen kamen, habe ich auch angefangen, an den ersten Volksläufen über fünf und 10 km teilzunehmen und hatte erste kleine Erfolge, was mich zusätzlich motiviert hat weiterzumachen.
2024 habe ich mir dann vorgenommen, den ersten Halbmarathon zu laufen und mich dafür im Lauftraining erstmals über die 10 km hinausgewagt. Über Achilles hatte ich inzwischen noch weitere Guides kennengelernt, mit denen ich mich auch abseits des Laufens gut verstand. So fiel mir das Training nicht allzu schwer und ich lief 2024 Halbmarathons bei der Winterlaufserie in Ismaning bei München, in Würzburg und am Lago Maggiore (alle drei mit mehreren anderen Läufern und Guides von Achilles). Das Highlight war aber der Halbmarathon in Berlin, da er an vielen Orten vorbeiführt, die ich gern mochte und mit denen ich Erinnerungen verbinde, und da mich ehemalige Arbeitskollegen tatkräftig angefeuert haben. Die Stimmung dort war unglaublich und hat mir definitiv Lust auf mehr gemacht!
Deswegen habe ich mich anschließend für einen Startplatz beim New York Marathon beworben, wobei ich mir eigentlich nicht vorstellen konnte, dass ich einen Marathon schaffen könnte – ich ging davon aus, auch einen großen Teil im Gehen absolvieren zu müssen. Über die Lotterie erhielt ich leider keinen Startplatz, aber Achilles New York verschaffte mir dann relativ kurzfristig noch einen, worüber ich mich natürlich riesig gefreut habe!
Wie sah dein Training für den New York City Marathon konkret aus?
Da ich im selben Jahr auch erst meine ersten Halbmarathons absolviert hatte, war ich wie gesagt skeptisch, den Marathon schaffen zu können. Mein Training ging über ca. 13 Wochen, wobei ich in der Regel dreimal die Woche gelaufen bin und dabei einmal einen Longrun gemacht habe. Dabei haben wir uns langsam in 2 km Schritten bis auf 32 km hochgearbeitet. Das lief super und ich konnte zusehen, wie mir das letztlich immer weniger Mühe bereitet und sich mein Körper darauf eingestellt hat. Das war super schön zu erleben und hat mich sehr motiviert, auch wenn ich mich insbesondere bezüglich anderer Aktivitäten und bei den Wochenendplanungen schon auch einschränken musste. Man bereut es nun mal und leidet, wenn man einen Tag nach dem feuchtfröhlichen Oktoberfestbesuch einen Longrun macht …
Ganz München haben wir durchquert von Nord nach Süd, durch den Englischen Garten und entlang der Isar. Das alles hat sich aber wirklich mehr als ausgezahlt! Ich, die bis 2020 fast gar keinen Sport gemacht hat, habe einen Marathon geschafft in 4 Stunden 23 Minuten und hatte auch noch riesen Spaß daran – niemals hätte ich das gedacht und mir das zugetraut! Keinen einzigen Moment habe ich ans Aufhören gedacht oder mir gewünscht, ein Stück zu gehen – der gefürchtete Mann mit dem Hammer blieb komplett aus und ich konnte es in vollen Zügen genießen. Die Stimmung an der Strecke ist wirklich durch nichts zu übertreffen, man wird wie ein Star gefeiert, namentlich angefeuert und es ist ein gigantisches Lauffest mit Musik aller Genres und Menschen aller Nationalitäten!
Wie wichtig sind deine Guides? In welchen Momenten brauchst du ihre Unterstützung besonders?
Ohne meine Guides könnte ich den Laufsport überhaupt nicht ausüben! Und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen leihen die Guides mir Ihre Augen und ermöglichen mir so das Laufen erst – ohne sie ginge schlicht gar nichts!
Zum anderen hätte ich mich ohne sie aber auch niemals zum Laufen motivieren können. Wahrscheinlich hätte ich gar nie angefangen, jedenfalls hätte ich mich aber niemals regelmäßig dazu aufraffen können. Man trifft die unterschiedlichsten Menschen, zu denen man sonst vielleicht keinen Kontakt geknüpft hätte, und läuft ja nicht nur zusammen, sondern lernt sich dabei auch kennen. Gerade bei den Longruns hilft es ungemein, durch gute und nette Gespräche unterhalten zu werden – da geht die Zeit super schnell vorbei! Gerade für die Longruns ist es allerdings gar nicht so einfach, Guides zu finden, die das konditionell können und auch noch Zeit und Lust darauf haben – da muss man sich als Guide schon ganz schön committen und v.a. zeitliche Opfer bringen. Ohne Plamen, Nadin und Xin, die die Longruns mit mir absolviert haben, wäre der Marathon für mich unmöglich gewesen.
Wie erlebst du das Miteinander bei den Lauftreffs zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung? Wie wird Inklusion bei Achilles gelebt?
Bei den Achilles-Lauftreffs wird jede und jeder – egal ob mit oder ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigung – nach ihren oder seinen Möglichkeiten eingebunden. Man läuft in der Regel als Pärchen und stellt sich aufeinander ein. Die Guides unterstützen die Läufer mit Beeinträchtigung, wo und wie es nötig und gewünscht ist. Dabei wird viel gelacht, sich ausgetauscht und gescherzt. Schon diverse Freundschaften sind dabei entstanden. Mehrmals im Jahr veranstalten wir Stammtische, gehen auf den Weihnachtsmarkt oder machen kleinere gemeinsame Reisen. Viele Guides sagen, dass die Beeinträchtigung der Laufpartner für sie inzwischen keine Rolle mehr spielt – man verabredet sich halt einfach zum Laufen.
Über Achilles International Germany e.V.
Achilles International Germany e.V. ist ein inklusiver Sportverein, der seit über 10 Jahren laufend und rollend Menschen mit und ohne Beeinträchtigung bewegt. Seine Mission ist einfach: Menschen durch Bewegung und Gemeinschaft zu verbinden, Barrieren zu überwinden und gegenseitigen Respekt zu fördern. Er rückt in den Vordergrund, was verbindet – und nicht was trennt. Die Mitglieder leben sportliches und soziales Miteinander. Denn Inklusion ist kein Projekt, Inklusion ist Haltung.
Welche Hindernisse waren für dich besonders schwierig? Wie bleibst du motiviert, wenn Rückschläge auftreten?
Bald nachdem ich angefangen hatte, regelmäßig zu laufen, bekam ich eine langwierige Knieentzündung mit vielen Auf und Abs. Diese zu überwinden, hat lange gedauert und erforderte Durchhaltevermögen – vor allem galt es, die richtige Balance zwischen Schonen und Weitermachen zu finden. Nach etwa einem Jahr waren diese Probleme aber so gut wie überwunden und – toi toi toi – bis jetzt läuft es gut mit dem Knie. Derzeit kämpfe ich seit einigen Monaten mit einem leichten Schmerz im Fuß, der jetzt langsam aber sicher ebenfalls besser wird. Ich hoffe sehr, dass ich den Laufsport noch lange gesund ausüben kann – aber sicher kann man sich da natürlich nie sein.
Was sind deine nächsten sportlichen Ziele?
Ich habe mich bereits für vier Halbmarathons angemeldet (Ismaning bei München, Würzburg, Lago Maggiore und Thermenmarathon Bad Füssing). Darüber hinaus würde ich mich sehr gerne noch einmal an einen Marathon wagen, den ich unbedingt in Berlin (Lies auch: Faszination Berlin-Marathon) laufen möchte! Bei der Lotterie habe ich leider keinen Startplatz ergattern können und hoffe jetzt, dass es doch noch irgendwie klappt – vielleicht ja über Achilles?!
Welche Botschaft möchtest du anderen Menschen mit Behinderung mitgeben, die überlegen, bei Achilles einzusteigen?
Bei uns ist jeder willkommen und kann entsprechend seinen Möglichkeiten mitmachen! Es lohnt sich wirklich, auszuprobieren und zu ergründen, was in einem steckt und was möglich ist. Einfach anfangen und vorbeikommen – bei und mit Achilles kann man über sich hinauswachsen!
Vielen Dank für das Interview!
Ihr Weg ist kein Märchen, sondern gelebte Realität: Mit Mut, Disziplin und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst hat sie gezeigt, dass Grenzen häufig nur im Kopf existieren. Bei Achilles International Germany e. V. entsteht eine Gemeinschaft, in der Inklusion nicht nur ein Wort ist, sondern in jedem Schritt, jedem Trainingstreffen und jedem gemeinsamen Lauf gelebt wird.
Wenn du Teil dieser Bewegung werden möchtest – ob als Läufer, Guide oder Unterstützer – ist deine Hilfe willkommen. Spenden finanzieren nicht nur Startplätze, Laufausrüstung oder Organisation, sondern ermöglichen Menschen mit Behinderungen, ihre Potenziale zu entfalten. Dein Beitrag baut Barrieren ab, noch bevor ein Startschuss fällt. Mehr erfahren auf achilles-germany.de
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