Im Laufschritt durch die Ewige Stadt: Rom Marathon laufen
36.000 Läufer, ein Ziel und eine der geschichtsträchtigsten Kulissen der Welt: der Rom-Marathon ist mehr als ein Rennen. Er ist ein Rausch aus Tempo, Triumph und tausend Jahren Vergangenheit. Wer ihn läuft, erlebt die Ewige Stadt nicht. Er erobert sie.
Von Jonathan Ponstingl
Rom neu entdecken: Die Stadt aus Läuferperspektive
Rom. Petersdom, Spanische Treppe, Engelsburg. Vielleicht noch die Tiberinsel, ein Streifzug durch die Bars von Monti. Viele Touristen haben all das schon einmal gesehen. Waren zwei, drei Mal in der ewigen Stadt, haben mit einem Bus die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abgeklappert, sind zu Fuß durch die engen Gassen der Altstadt geirrt, haben sich in die Schlangen vor den Supplì-Läden eingereiht.
Wie entdeckt man diese Mutter aller Städte also neu? Wie entlockt man ihr Geheimnisse, saugt ein ungekanntes Ambiente auf und bringt eine Geschichte über Rom mit nach Hause, die man so von der italienischen Hauptstadt noch nicht kennt? Mit einem Marathon.
Start am Circo Massimo: Gänsehaut vor dem Rennen
Geschäftiges Treiben liegt über dem Circo Massimo. In dem weiten Oval sind zahlreiche Zelte aufgespannt, Werbefahnen zittern im Wind. Tausende Menschen sind unterwegs, quetschen sich aus den schmalen U-Bahn-Ausgängen und ergießen sich über das Areal rund um den Palatin.
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Es ist sieben Uhr morgens und für einen römischen Frühlingstag beträchtlich kühl. Der Circo Massimo, ansonsten eher eine der lebloseren touristischen Anlaufstellen, ist an diesem Wochenende das Epizentrum der italienischen Läuferszene. Ein Hauch von Vergangenheit liegt in der Luft. Ähnliche Menschenmengen suchten den größten Zirkus des antiken Rom vermutlich nur zu Wagenrennen auf.
Megafondurchsagen weisen die Läufer darauf hin, zügig weiterzugehen. Vorbei am Forum Romanum, bis linkerhand die Fassade des Kolosseums auftaucht. Gewissermaßen selbst eine sportliche Ikone der Antike, die heute den Ausgangspunkt eines 42,195 Kilometer langen Kurses durch Rom bildet.
Ein Marathon zwischen Antike und Moderne
Ein Marathon durch Rom. Das hat etwas Epochales, definitiv einen einzigartigen Charakter. Derart viel Historie, die um die Läufer herum wie Unkraut aus dem Boden sprießt. Bauwerke, die Zeugnisse von Triumphmärschen, Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen sind und an diesem Märzmorgen in der Moderne wieder zu Zeugen eines sportlichen Wettkampfs werden. Städtische Laufevents boomen weltweit. Europäische Stadtkurse sind beliebt bei den Marathonis, die Stimmung in den Ballungszentren entlang der Strecken peitscht die Athleten nach vorne.
Über die Mikrofone beginnt der Einpeitscher an der Startlinie mit dem Countdown, der von den bröckelnden Mauern des gewaltigen Amphitheaters widerhallt. Dann ertönt der Startschuss. 36.000 Läuferinnen und Läufer greifen ihre persönlichen Bestzeiten an, den Gesamtsieg oder einfach die Vollendung ihres ersten Marathons.
Durch die Altstadt: Rhythmus finden zwischen Kopfsteinpflaster
Die ersten Minuten sind geprägt von der Suche nach dem eigenen Platz im Läuferfeld. Da ein Knöchel im Weg, hier eine Unebenheit im Asphalt, dort ein Loch in der Straße. Die Umgebung verschwimmt in diesen ersten Kilometern zu einer Randnotiz. Bis sich ein Rhythmus über den Wechsel aus Teer und Kopfsteinpflaster eingestellt hat, liegt die erste Phase durch die Altstadt bereits hinter uns. Langsam stabilisiert sich die Atmung, die Schrittfrequenz wird gleichmäßiger und der Blick hebt sich für die Szenerie.
Ikonische Momente: Petersdom und Engelsburg
Die Monumente des Altertums sind nur noch eine verblasste Erinnerung an die ersten Meter, als plötzlich die Cestiuspyramide auftaucht und der Kurs eine Kurve um das Grabmal an der Piazza di Porta San Paolo beschreibt. Die römische Sehenswürdigkeit verschwindet so unmittelbar wieder aus dem Blickfeld, wie sie aufgetaucht ist. Sie steht eher auf dem Programm von Wiederholungsbesuchern. Oder eben von Marathonläufern.
Die Pyramide ist das Tor zu einem Ausflug durch das östliche Rom. Markante Elemente sind rar, dafür durchzieht der Kurs das, was eben auch Rom ist: die Viertel, in denen die Römer leben und arbeiten. Am Streckenrand stehen Römerinnen und Römer, sie jubeln und treiben die Sportler auf der Straße an. Eine weitere Wasser- und Verpflegungsstation. Dringend benötigte Flüssigkeitsaufnahme ist angesagt. Rund um Kilometer zehn findet man sich im Rennen zurecht.
Die Marathonexpo des „Run Rome The Marathon“ vor dem Forum Romanum
Dachte ich. Denn auf einmal wird es hektisch im Feld. Während all des Philosophierens über die Lebenskultur in der ewigen Stadt hat sich die Altstadt unbemerkt an uns herangeschlichen. Alle zücken ihre Smartphones, während die Steine der Ponte Sant’Angelo unter uns hinwegfliegen. Ohne Vorwarnung thront rechts die Engelsburg. Der Kurs beschreibt eine leichte Linkskurve, und dann ist er da: der markanteste Blick dieses Marathons.
Über die laternengesäumte Via della Conciliazione steuern wir auf den Petersdom zu. Auch wenn ich mir vorgenommen habe, nicht zur Selfie-Fraktion zu gehören, verlangsamt sich der Schritt, und wie von selbst springt das Handy in die rechte Hand, die wie fremdgesteuert den Auslöser betätigt, um diesen Moment festzuhalten. Selten offenbart sich die größte Kirche der Welt mit so unverstelltem Blick auf ihre Fassade. Es sind diese Orte, die diesen Marathon so besonders machen.
Die Carbon-Schuhe klatschen über das Kopfsteinpflaster. Das Handy findet wieder seinen Platz in der Laufhose. Kilometer 14. In mehreren Schlaufen durchwindet die Strecke nun das Viertel Monti.
Genuss stellt sich ein. Und die ersten Beschwerdesignale der Beinmuskulatur. Aber wann hat man schon einmal die Gelegenheit, durch die Straßen Roms zu laufen, die ansonsten von dichtem Verkehr, Stauepisoden und lautem Gehupe geprägt sind? Auf Autos ausgelegte Städte üben eine ganz besondere Magie aus, wenn die Kraftfahrzeuge wegbleiben und nur die eigene Muskelkraft einen über die Verkehrsachsen trägt.
Über eine dieser Achsen geht es nun wirklich hinaus aus der Stadt, die man als Tourist kennt. In Richtung Nordwesten, fernab der Altstadtbauten, außer Sichtweite der kulturellen Höhepunkte. Auch das hier ist Rom. Vielleicht ist es sogar das wahre Rom der heutigen Zeit. Die Beine tragen uns hinaus zum Olympiapark über die Ponte della Musica.
Die entscheidende Phase: Kampf ab Kilometer 30
Die Unterstützung hier draußen ist spärlicher, die Schmerzen nach dem Überschreiten der Halbmarathondistanz intensivieren sich. Crunchtime. Hier entscheidet sich, wie das Rennen ausgeht. Der vielbeschriebene Mann mit dem Hammer wartet schon, prüft drohend seine verhängnisvollen Werkzeuge. Auf Höhe von Kilometer 30 ist es Zeit, gewissermaßen durchzuatmen und Entspannung im Schmerz zu finden. Die Oberschenkel zünden ihr erstes kleines Feuer, das sich bis zum Rennende zu einem Brennen ausweiten wird und bereits den Muskelkater der kommenden Tage ankündigt.
Finale in der Altstadt: Emotionen und Euphorie
Ein Schild kündigt Kilometer 35 an. Das Rennen wird hart. Die Schmerzen manifestieren sich. Mit dem Wiedereintritt in die Altstadt rund um die Piazza del Popolo wird die Menge wieder lauter, die Strecke enger. Entlang der Kurven nehmen die DJs zu, aus den Boxen einschlägiger Sponsoren dröhnt der Bass.
Langsamer werden ist jetzt nicht drin. Die Schuhe fliegen durch die Gassen, durch die über die Jahrtausende hinweg Millionen von Menschen gegangen sind. Was wohl einer der Senatoren der römischen Republik sagen würde, wenn er sehen könnte, wie sich eine Traube unzähliger Menschen mit übertrieben langen Kompressionssocken und modischen Kopfhörern nur zum Spaß durch das damalige Zentrum der bekannten Welt schiebt? Aus europäischer Sicht zumindest. Er würde sich wahrscheinlich wundern, weshalb man sich freiwillig derart quält.
Tags zuvor haben wir uns noch als gewöhnliche Touristen zur Villa Medici hinaufgeschoben, wie in einem Slalomkurs durch die Mischung aus Einheimischen und Besuchern. Jetzt ist der Weg frei, führt geradlinig an der Spanischen Treppe vorbei. Das Ziel ist luftlinienmäßig nicht mehr weit entfernt. Aber die Kursplaner kennen kein Erbarmen.
Ein letzter steiler Anstieg noch. Die regelmäßigen Bezwinger des Rom-Marathons nennen ihn „Wall of Horror“ – Wand des Schreckens. Die Geräuschkulisse der Menschenmenge dringt bereits an unsere Ohren, die ersten Rufe eines Stadionsprechers sind hörbar.
Zieleinlauf im Circo Massimo: Ein unvergesslicher Moment
Auf der kleinen Kuppe eine letzte Kurve. Kilometer 42. Dort unten liegt wieder der Circo Massimo, getränkt in ein Fahnenmeer und voller Menschen, die die Marathonläufer in Empfang nehmen. Geschwindigkeit reduzieren geht nicht – in diesem Moment fließen die Beine ungewollt dahin, hinein in die Arena und über den Zielstrich, mitten in dieses opulente Ensemble zeithistorischer Bedeutung.
Fazit: Der Rom Marathon als einmaliges Lauferlebnis
42,195 Kilometer sind geschafft. Entlang der Strecke haben wir mehr Sehenswürdigkeiten passiert, als bei jeder Hop-on-Hop-off-Stadtrundfahrt an einem Tag möglich wäre. Die historische Altstadt stand Spalier, ebenso wie die Ausläufer Roms und die Wohngegenden, dort, wo die Römer leben, wo der Alltag stattfindet.
Im Herzen des Circo Massimo beginnt man zu realisieren, was man geleistet hat: einen Marathon absolviert. In einer der geschichtsträchtigsten Städte der Welt.
Hier, mit dem Forum Romanum im Rücken, erschließt sich die Romantik dieses außergewöhnlichen Stadtrundgangs im Laufschritt. Ein malerisches Ambiente entlang des letzten Abschnitts, der einen bei so vielen Strecken einbrechen lässt, während man hier nur denkt: Ich laufe gerade an der Piazza Navona vorbei, wie verrückt ist das denn? Ich kann jetzt nicht langsamer machen.
Gepaart mit dem Adrenalin schwimmt der eigene Körper auf einem Teppich aus Kultur und Geschichte. Wo in anderen Metropolen die letzten Kilometer durch Hochhausschluchten führen, vorbei an Glaskästen und Funktionsarchitektur, ist es hier die Bausubstanz, gespickt mit Historie, die einen fokussiert hält und trotz des herausfordernden, kurvigen Kurses persönliche Bestzeiten ermöglicht. Eine Bestzeit bietet Rom sowieso immer.
Mehr erfahren: Run Rome the Marathon
Fotos: Jonathan Ponstingl












