Superfoods aus Deutschland

„Gesunde Ernährung könnte einfach sein, aber jeden Tag wird eine neue exotische Frucht aus dem Amazonas-Hut gezaubert“

Acai, Goji, Chia – Superfoods klingen nicht nur fancy, sondern bringen auch positive Eigenschaften für unsere Gesundheit mit. Was jedoch oft vergessen wird: Viele Superfoods kommen vom anderen Ende der Welt und sind dementsprechend gar nicht super für die Umwelt. Zum Glück gibt es heimische Alternativen – Superfoods aus Deutschland – die wir Läufer unbedingt kennen sollten. Wir haben mit Dr. Jens Freese, Sport- und Ernährungsimmunologe in Köln, über die Eigenschaften von Superfoods gesprochen.

Regionale Superfoods

RUNTiMES: Was bedeutet das überhaupt „Superfoods“?

Dr. Freese: „Superfoods ist ein Begriff aus den Marketingabteilungen der Lebensmittelindustrie, der nach und nach vor allem mit exotischen Nahrungsmitteln wie Moringa, Acai-Beeren oder Chiasamen verbunden wurde.“

RUNTiMES: Was macht ein echtes Superfood aus?

Dr. Freese: „Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind Superfoods Nahrungsmittel, die hohe Mengen an essentiellen Nährstoffen liefern. Sie sind reich an Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E und vor allem an Polyphenolen bzw. sekundären Pflanzenstoffen, die in unserem Körper als Radikalfänger fungieren. Zum Teil besitzen Superfoods eine wesentlich stärkere antioxidative Kapazität als Vitamine. Ein Beispiel ist Kurkuma, das bei Entzündungserkrankungen, aber auch in der Krebstherapie als Infusion eingesetzt wird.“

RUNTiMES: Diese positiven Nährstoff-Eigenschaften sind ja ein regelrechter Aufruf, die Superfoods in unsere Ernährung einzubauen

Dr. Freese: „Unbedingt! Aber sie müssen nicht aus Südamerika oder Indien kommen. In unseren heimischen Gefilden haben wir genug Superfoods, z.B. unsere Kohlsorten. Schau in den NABU Saisonkalender, was gerade reif ist. Kaufe in einem Hofladen oder in einem Ökomarkt naturbelassene, unbehandelte Nahrungsmittel ein – am besten aus Gebieten, die wenig umweltbelastet sind. Stelle dir ein kleines Gewächshaus hinters Haus oder auf die Terrasse, um Kräuter selbst anzusetzen, denn sie sind die besten Radikalfänger. Nährstoffbomben sind auch grüne Wildkräuter-Smoothies aus dem Slow Juicer. Dazu ein wenig Indoor-Chlorella und du hast ein perfektes Detox-Getränk.“

Runtimes Heimische Superfoods

RUNTiMES: Was sind weitere gute Superfoods aus Deutschland für uns Läufer?

Dr. Freese: „Heimische, saisonale Obst- und Gemüsesorten, Blattsalate – saisonal, regional, variationsreich, vielfarbig. Das Gemüse sollte nicht zu stark erhitzt, sondern am besten in einem WOK gedünstet werden. Zum Erhitzen nur Oliven-, Kokosöl oder Ghee verwenden. Abgekühltes Gemüse und Blattsalate kann man mit Oliven-, Lein, Walnuss-, Avocadoöl garnieren.“

RUNTiMES: Was haben unsere heimischen Superfoods, abgesehen von der Nachhaltigkeit, noch zu bieten?

Dr. Freese: „Wenn man sie nicht verkocht: Ballaststoffe! Und die sind alles andere als Ballast. Ich berate viele Menschen mit Darmstörungen und stelle seit einigen Jahren immer deutlicher fest, dass es inzwischen eine Art Ballaststoff-Intoleranz gibt. Das heißt, viele Menschen vertragen kaum noch Ballaststoffe. Ihre Därme sind durch raffinierten Zucker, Konservierungs-, Farb- und Aromastoffe inzwischen so entzündet, dass Ballaststoffe ebenso wie andere natürliche Nährstoffquellen vom Darmimmunsystem abgewehrt werden. Es darf daher nicht verwundern, dass die Nahrungsmittelunverträglichkeiten zunehmen. Der Großteil unseres Immunsystem liegt schließlich im Darm.“

RUNTiMES: Die gehypten Superfoods vom anderen Ende der Welt haben lange Transportwege auf der Schale. Inwiefern beeinflusst das den Nährstoffgehalt?

Dr. Freese: „Das kommt darauf an, wie sie geerntet wurden. Wie sich in Analysen immer wieder zeigt, sind schockgefrostete Produkte oft nährstoffreicher als frische Produkte, die schon einige Tage liegen. Produkte aus anderen Erdteilen werden allerdings mit zweifelhaften Methoden konserviert. Bestrahlung verhindert das Keimen, verringert die Anzahl von Mikroorganismen, verzögert die Reifung von Obst und Gemüse und tötet Insekten ab, die Getreide, Trockenobst, Gemüse und Nüsse befallen können.“

RUNTiMES: Auf welche Superfoods sollten wir auf jeden Fall verzichten, wenn wir uns nachhaltig ernähren wollen?

Dr. Freese: „Ich esse grundsätzlich keine Goji- oder Acai-Beeren, wenn ich nicht genau weiß, wo sie herkommen, und kann das auch meinen Kunden, Patienten und Sportlern nicht empfehlen. Auch auf ausländische Gütesiegel kann man nicht unbedingt vertrauen. Man sollte immer bedenken, dass Gütesiegel ein Riesengeschäft sind. In Deutschland vertraue ich auf Demeter, Bioland und Naturland. Das heißt aber nicht, dass solche Produkte grundsätzlich unbelastet sind, denn alles ist abhängig von der Bodenqualität.“

RUNTiMES: Warum sind Superfoods aus Deutschland weitaus weniger bekannt als ihre klimaschädlichen Pendants?

Dr. Freese: „Weil sich die Neuromarketing-Strategen in den Lebensmittel-Großkonzernen ständig etwas Neues einfallen lassen (müssen). Vor dem Trend ist nach dem Trend. Die Lebensmittelindustrie nimmt sich ein Beispiel an der Modeindustrie. Gesunde Ernährung könnte relativ einfach sein, aber jeden Tag wird eine neue Wunder-Diät erfunden oder eine exotische Frucht aus dem Amazonas-Hut gezaubert und als Heilsbringer durch die Social-Media-Kanäle getrieben.“

RUNTiMES: Wie würden Sie das Imageproblem unserer regionalen Superfoods lösen?

Dr. Freese: „Klar, viele (über-)leben heute nur noch mit To-Go Nahrung aus der Backfiliale und lassen sich abends die Pizza Margaritha vor die Haustür bringen. Ich nehme aber inzwischen einen starken Gegentrend wahr. Viele Leute besinnen sich wieder auf den Lebensstil unserer Großmütter – regional, saisonal, nachhaltig, unbelastet. Früher war nicht alles besser. Aber der Wert natürlicher Nahrungsmittel spielte eine größere Rolle.“

RUNTiMES: Vielen Dank für das Gespräch!

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